Künstlerisches Handeln in den drei Ökologien

Welche Effekte hat (m)eine Handlung? Welche Auswirkungen hat (m)eine Haltung – körperlich, im sozialen Miteinander, politisch? Oder anders: Wo verläuft die Grenze zwischen Selbsterfahrung und künstlerischer/wissenschaftlicher/politischer Auseinandersetzung?
In seinem Buch Die drei Ökologien fordert Félix Guattari eine neue ethisch-politische Verbindung zwischen den drei Bereichen: Umwelt, soziale Beziehungen und menschliche Subjektivität. Dies – sein Konzept der Ökosophie – betrifft nicht nur das Verhältnis von Makrokräften der Umwelt, sondern umfasst auch die Mikrobereiche der Empfindsamkeit, der Intelligenz und des Wunsches.
In dieser erstaunlich hellsichtigen Schrift von 1985 hat Guattari bereits Donald Trump und die Auswirkungen eines zügellosen Kapitalismus vorausskizziert. Dem französischen Theoretiker geht es dabei nicht darum, "die Gegensätze 'aufzulösen', wie dies die hegelianischen und marxistischen Dialektiken verlangen." Eher möchte er Formen des Zusammenlebens, Engagements und Aktivismus entwickeln–im Kollektiv oder individuell. Guattari entwickelt kein allumfassendes Erklärungssystem, sondern dringt/insistiert auf andere Formen von Subjektivierung mit einer „Logik der Intensität“, in der der Dissenz gepflegt wird.
Unter dem Schlagwort des „ästhetischen Paradigmas“ subsumiert Guattari die Forderung an alle Bereiche der Gesellschaft, sich in einen positiven (wissenschaftlich) unabgesicherten Neuerungszwang zu begeben, wie dies etwa in der Kunst oder Literatur als wesensbestimmendes Merkmal der Fall ist.
In diesem Seminar treibt uns die Frage, in welchen Registern der sozialen-, der mentalen- und der Umwelt-Ökologie mit künstlerischen Arbeiten angesetzt werden kann, um Veränderung zu initiieren. Daher sollen folgende Fragen diskutiert werden: Welche Rolle spielen individuelle Erfahrungen in künstlerischen und gesellschaftlichen Kontexten? Wie wird das Persönliche allgemein? Und wann entsteht Gemeinschaft?
Wir nähern uns diesen Fragen zum einen durch die Lektüre und Diskussion von ausgewählten Schriften zum Thema: U.a. Félix Guattari Die drei Ökologien, Rosi Braidotti: Nomadische Subjekte und Alfred Gell: Art and Agency: An Anthropological Theory.
Zum anderen untersuchen wir autobiografische Strategien in der Kunst: Ich-Konstruktionen und auto-ethnografische Strategien sowie Fragen zu Erinnerung, Selbstdarstellung und Montage. Dabei werden historische Grundlagen und die verschiedenen Ausformungen und Problematiken des Genres diskutiert.
Das Blockseminar findet in Kooperation der HFBK Hamburg und der HfK Bremen an beiden Hochschulen statt, ergänzt durch die Perspektive der Filmemacherin Antje Engelmann. Eine Anmeldung ist erforderlich.

The Art of the Art Assignment

In diesem Seminar wenden wir uns Aufgaben zu, die im Rahmen von Kunstunterricht (von uns) formuliert wurden oder noch formuliert werden könnten.
Wir werden ganz grundsätzlich fragen: Was ist der Sinn und wo beginnt der Unsinn dieser Aufgaben? Muss sich eine Aufgabe, die wir für den Unterricht an einer allgemeinbildenden Schule entwickeln von einer Aufgabe unterscheiden, die wir z.B. von einigen Professor*innen an der HFBK gestellt bekommen? Sind es wirklich die Rahmenbedingungen (Zeit, Rahmenpläne, Klassengröße, Alter, etc.), die bestimmen, welche Aufgaben möglich sind? Wie kann ich Aufgaben stellen, die einen eigenständigen und selbstmotivierten künstlerischen Prozess initiieren? Ist das überhaupt möglich?
Dieses Seminar richtet sich an Studierende aller Studienschwerpunkte, die bereits Lehrerfahrungen im Rahmen einer –wie auch immer gestalteten­– Kunstvermittlung gesammelt haben und ihre Erfahrungen austauschen und erweitern wollen. Wir werden exemplarische Aufgaben entwickeln, kritisch diskutieren und gegebenenfalls einen Reader der „Best of“ anlegen.

Abschluss

Kolloqium für B.A., M.A. und Examenskandidaten.
NUR für Studierende, die im WS17/18 oder im SS18 ihren Abschluss machen. Besprechung der jeweils eigenen Arbeit / Arbeitsweise auch in Hinblick auf die Abschlusspräsentation.

 

Wie schreibe ich als Künstler*in?

Wie lässt sich Schreiben als Teil des künstlerischen Handelns begreifen?
Was kann sich dieses Schreiben mit den Handlungen bewegen, statt ihnen etwas überzustülpen und sie festzulegen?
Wie entflieht der Text dem Gestus, zu wissen, wie der Hase läuft?
Welchen Preis zahle ich dafür, mein Handeln schreibend aufzublähen?
Wo fängt Jargon an? Und wie wirkt sich dessen Verwendung auf mein Tun aus? Was passiert, wenn ich aufschreibe, was ich tun werde?Lässt sich ein Plan beschreiben, dessen Ziel verfehlt werden soll?
Die Veranstaltung richtet sich an Student*innen, die Text als Teil ihrer künstlerischen Arbeit begreifen, genauso wie diejenigen, die mit Vergnügen, aber auch gezwungenermaßen schreiben.
Einführung / Die Behauptung von hundert Regeln / Schreibübungen / Gruppen- und Einzelbesprechung.
Hans-Christian Dany lebt in Hamburg und schreibt am Morgen, manchmal werden daraus Bücher. Zuletzt erschienen Schneller als die Sonne. Aus dem rasenden Stillstand in eine unbekannte Zukunft (2015), Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft (2013) und Speed. Eine Gesellschaft auf Droge (2008).

Ziemlich schönste Aussichten

„Ziemlich schönste Aussichten“ heißt ein Projekt, das seit 4 Monaten in der Hafen City läuft. In direkter Nachbarschaft zu einer Flüchtlingseinrichtung haben Karin Haenlein und Jan Köchermann auf einer Brache einen Raum aus Holz zwischen zwei Container gebaut. Die Bewohner der Einrichtung gegenüber konnten die Situation von ihren Wohnungen aus sehen. Mithelfen konnte jede/r, die/der Lust dazu hatte. Schwarzer Tee aus einem Samowar–geheizt mit Holzkohle–machte den Ort zusätzlich schnell zu einem sozialen Treff- und Anziehungspunkt, vor allem für die vielen Kinder. Seit einiger Zeit finden in dem Raum regelmäßig verschiedene Aktivitäten statt, wie Mal-Workshops, Kino-Abende oder Fahrradreparatur-Nachmittage.
Im Seminar sollen Ideen und Konzepte entwickelt werden, die die bestehende Struktur entweder architektonisch/skulptural oder durch unterschiedliche Veranstaltungsmöglichkeiten erweitern. Die praktische Erprobung und Umsetzung vor Ort sollte Möglichkeiten schaffen, die Bewohner*innen der Flüchtlingseinrichtung mit einzubeziehen.
Das Seminar soll, nach einer kurzen Planungsphase an der Hochschule, hauptsächlich vor Ort in der Hafen City stattfinden.
Mit Jan Köchermann

DIY See the gap–die Lücke als Werkzeug

Im Continuity Editing des klassischen Spielfilms verknüpft die Montage Raum und Zeit. Dabei zielt sie auf eine dramaturgisch konzipierte und dem Zuschauer vermittelte Kontinuität ab.
Im Gegensatz dazu arbeitet der Essayfilm mit der Lücke, der Pause, dem nicht gesagten und verweist auf die Anwesenheit einer Autorenschaft.
Diese Vorgehensweise die der Zerstörung einer narrativen Illusion gleichkommt, macht den Betrachter auf ein Fehlen aufmerksam und wirft ihn auf sich zurück. An die Stelle der Identifikation mit einem Protagonisten, tritt eine Reflexion über das Medium, die Form oder das hier und jetzt. Diese Herangehensweise der Autorinnen, mit der Lücke zu arbeiten anstatt sie zu verbergen, ermöglicht neue Erfahrungen, die andere Möglichkeiten der Erkenntnis zulassen.
Lässt sich mit dieser Methode eine politische und ästhetische Bildung etablieren, in der Zerrissenheit vorkommen darf?
Im ersten Teil unseres Blockseminars wollen wir dies anhand des essayistischen Films mit euch verhandeln und einzelne Filme gemeinsam daraufhin untersuchen.
Daran anschließend möchten wir im zweiten Teil unseres Blockseminars Eure Arbeiten oder Arbeiten, die aus dem Projekt heraus entstehen, besprechen.
Was zeigen wir? Was zeigen wir nicht? Wie formt sich Eure Autorenschaft in der Montage?
Wir wollen uns in unserer Materialauswahl auf unterschiedliche theoretische und künstlerische Positionen beziehen. (Hans Richter, Michael Snow, Agnes Varda, Theodor W. Adorno, Alexandre Astruc, Kurt Schwitters, William S. Burroughs)
Das Seminar wendet sich an Studierende ALLER Studienschwerpunkte.
Mit Anabella Angelovska (Lehrauftrag) und Dörte Habighorst (HFBK Studierende)

Wie zusammen leben II

Unsere Lebensweise bereitet einen grundlegenden Zugang zur Welt, die wir wesentlich wahrnehmen ausgehend von unserem Wohnen darin. Jeder „wohnt“ irgendwie — dennoch stellt sich die Frage, was ein gelingendes Wohnen sein kann. Denn längst sind die eigenen vier Wände, sogar wenn sie rechtlich unser Eigentum sind, stets ein politischer Schauplatz, an dem wir beispielsweise als Konsumenten und Staatsbürger adressiert werden, also u.a. auch geschlechtlich entworfen werden. Dies ist eine Tendenz, die letztlich auf eine immer stärkere Vereinzelung des Subjekts abzielt, weil es sich damit am erfolgreichsten regieren, d.h. kontrollieren und am ergiebigsten bewirtschaften lässt.
Doch seit einiger Zeit regt sich nicht nur Widerstand gegen eine Entwicklung, in der Wohnraum auf dem freien Markt immer teurer, und die darin verwirklichten Lebensmodelle immer konformer werden. Gleichzeitig erhält das Wohnen als Ort der Aushandlung und Gestaltung des Sozialen wieder an Bedeutung, was es zu einem Thema der Kunst macht. Uns interessiert wie Kunst und Wohnen zusammenhängen:
Welche Lösungen können künstlerische Perspektiven zu den zeitgenössischen Problemen des Wohnens bieten?
Welche Fiktionen lassen sich zum zukünftigen Wohnen entwickeln?
In der Fortsetzung des Seminars "Wie zusammen leben I" aus dem SoSe17 wollen wir Zines herstellen, die unsere Fiktionen, Wünsche, Utopien und Dystopien beherbergen. Zur Inspiration und als Bezugspunkte ist das Zines Archiv des heftraums (heftraum.de) angefragt, sowie einzelne Zines aus dem Archiv von Bildwechsel (bildwechsel.org). Weiter ist die Gruppe Komplizenschaft (Lisa Marie Zander, Marius Töpfer, komplizenschaft.org) angefragt ihre Projekte vorzustellen. Diese Hefte sollen in diversen Räumen in der Stadt verteilt werden. Eine gemeinsame, institutionelle Präsentation ist geplant.
Mit Katja Lell