World Wide Nachsitzen EPISODE I FILTER

Das Zeitalter der Digitalität geht mit einer Krise all jener Systeme einher, die wir mit Wissen, dessen Produktion und Distribution assoziieren. Neben Verlags- und Medienhäusern, Zeitungen und Fernsehprogrammen, stehen auch Kultur- und Bildungsinstitutionen in Anbetracht des World Wide Web und der daraus folgenden veränderten Wissens- und Lernkultur, vor grundlegenden Veränderungen: WAS zu wissen und zu vermitteln ist, wird durch die Frage, WIE sich ein jederzeit zugängliches, vernetztes und auf Partizipation angelegtes Wissen filtern lässt, abgelöst. Das Netz ist voll mit Informationen, jedoch gibt es nicht genug Köpfe, um diese zu verarbeiten. Durch Algorithmen werden Informationen immer wieder neu sortiert und die Position im Netzwerk entscheidet, was verschwindet und was hängenbleibt. Das Netz, die Vernetzung ist ohne das Bild des Filters nicht mehr zu denken.

 Das Wissen der Netzgemeinschaft unterliegt nicht, wie einst gehofft, der freien globalen Kommunikation und der ungefilterten Informationen. Jeder, der Daten sendet, kann potentiell überwacht werden und Software strukturiert unser Denken. Filterkompetenz ist demnach in zweifacher Hinsicht gefordert: Es gilt die richtigen Fragen zu stellen, um an die für die Recherche relevanten Schnittstellen zu gelangen und es gilt zu verstehen, durch welche Filter die aus dem Netz gefischten Daten gelaufen sind. All dies hat weitreichende Folgen: Unsere Vorstellung von Wissen und Bildung, unserer Umgang mit Informationen und –daraus folgend– unsere Lernbewegungen verändern sich.

Akteure aus den Bereichen Psychologie, Ökonomie, Informatik, Kunst und Kultur beginnen auf diese fundamentalen Veränderungen wissenschaftlich, künstlerisch und/oder aktivistisch zu reagieren. Die Reaktion der deutschen Bildungsplaner ist hingegen gewohnt bürokratisch. Mit Pisa-Tests und Bologna-Reform beharren sie auf einen klar definierten Wissenskanon, der durch kleinmaschige Leistungskontrollen und -punkte messbar ist. Hilflos werden Bildungsinstitutionen–im besten Fall–mit neuen Computern, digitalen Flipcharts und Verwaltungssoftware ausgestattet, ohne, dass die Frage nach veränderten Wissensordnungen und den daraus resultierenden Handlungsoptionen gestellt wird.

Die Entstehung des Internets ist eng mit Entwicklungen in Bereichen der Kunst und Subkultur verbunden, wie Lutz Dammbeck in seinem Film „Das Netz“ (2004) verdeutlicht hat. Heute müssen wir feststellen, dass die positiven Erwartungen, die es in den 1960er Jahren an die Kybernetik und das Internet gegeben hat, nicht erfüllt wurden. Der Hamburger Künstler Hans-Christian Dany beschreibt in seinem Buch „Morgen werde ich Idiot“ (2013) die Verbindung von Kybernetik und der heutigen, auf ständige Selbstoptimierung ausgerichteten Kontrollgesellschaft (Gilles Deleuze).

Die zentralen Fragen des Projekts lauten daher: Wie haben sich unter den Voraussetzungen der Digitalität Wissensdispositive und –ordnungen und Lernbewegungen verändert? Welche Handlungsräume und Selbstbildungsformen lassen sich hieraus ableiten und welche Rolle spielen hierbei künstlerische Praktiken?

World Wide Nachsitzen

Mit World Wide Nachsitzen wollen wir diese Fragen stellt und multiperspektivisch verhandelt. Es gilt neue Formen des Wissens, des Lernens und, daraus folgernd, des Lehrens zu erfinden. Hierbei scheint eine transdisziplinäre Perspektive auf Kunst, Philosophie und Wissenschaft besonders vielversprechend.

Betrachtet man jüngste Studien von Ökonomen und Psychologen, nehmen diese eine komplette Revision unserer Problemlösungsgewohnheiten vor. Studien des Verhaltensökonoms Daniel Kahneman haben z.B. ergeben, dass, wenn wir eine Entscheidung treffen oder ein Problem lösen, nicht rein rational entscheiden. Entscheidend ist weniger das Problem an sich, sondern unsere Wahrnehmung dessen. Auch die Rolle des Zufalls, der Moment des Kontrollverlusts (über die eigenen Daten / über die Möglichkeit eines Überblicks), die Notwendigkeit von Individualität (was für mich wichtig ist, ist nicht notwendigerweise auch für dich wichtig) und das Verbleiben im Status des Dilettanten (wir können bestimmte Systeme u.U. bedienen, verstehen tun wir sie nicht) werden als wichtige Faktoren beim Lösen von Problemen herausgestellt. Interessanterweise sind dies alles Kategorien, die auch in der Debatte um künstlerische Forschung herangezogen werden, um die Komplexität künstlerischer Praktiken jenseits von einer Ursache-Wirkung Argumentation, die eine lineare Kausalität sucht, zu beschreiben. Der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Gerd Gigerenzer spricht von nützlichem Halbwissen, denn Vieles in unserem geistigen Leben ist unbewusst: „Es ist wichtig zu verstehen, dass unsere geistigen Vermögen und die Technologie ein zusammenhängendes System bilden. Das Internet ist eine Art Kollektivgedächtnis, an das sich unser Geist anpassen wird, bis es einmal durch eine neue Technologie ersetzt wird. Dann werden wir andere kognitive Fertigkeiten auslagern – und hoffentlich neue erlernen.“ Gigerenzer fordert daher, bereits in Schulen zu lehren, mit Unsicherheiten zu denken.

Künstler sind Experten im Leben mit Unsicherheiten, eine künstlerische und kulturwissenschaftliche Perspektive auf die Thematik erscheint uns daher besonders sinnvoll.

 Salon / Kino / Demonstrationsbüro

Auch wenn das Netz mehr weiß als wir jemals wissen können und sein Rauschen das permanente Hintergrundgeräusch unseres Lebens ist, kann es die Welt, so wie wir sie wahrnehmen, nicht vollständig darstellen. Es gibt Erfahrungen, die nur jenseits der Tastatur entstehen. Daher werden wir das World Wide Nachsitzen nicht nur im Netz verorten, sondern ein Salon, ein Kino und ein Demonstrationsbüro errichten. Drei Räume, in denen audio-visuell, theoretisch-performativ und grafisch-installativ auf die skizzierte Situation reagiert wird.